Biologische Station Minden-Lübbecke e. V.

FFH (Flora-Fauna-Habitat)–Gebiet "Gewässerlandschaft Große Aue"

Renaturierung einer Auenlandschaft im Kreis Minden-Lübbecke

Im Jahre 1989 wurde im Norden des Kreises Minden-Lübbecke der erste Spatenstich zu einem bis dahin in NRW einmaligen Projekt getan: Es wurde damit begonnen, das monotone Gewässerbett des Flusses "Große Aue" und seine bis zu 300 m breiten Seitenräume wieder zu einer naturnahen Auenlandschaft mit artenreicher Tier- und Pflanzenwelt umzugestalten. Die "Große Aue" entspringt im Wiehengebirge bei Rödinghausen, durchfließt den Kreis Minden-Lübbecke und mündet bei Nienburg (Niedersachsen) in die Weser. Von jeher stand der Fluss im Blickpunkt der dort lebenden Menschen. Bei starkem Regen konnte das aus dem Wiehengebirge in die flache Rahdener Geest strömende Wasser kaum abfließen und überschwemmte Äcker und Wiesen. Diese verdrängte im Lauf vieler Jahrzehnte die ursprüngliche Auenlandschaft mit Auwäldern und kleineren Mooren, wie sie für die norddeutsche Tiefebene typisch waren. Nach ersten Begradigungen im 19. Jahrhundert erfolgte 1956 ein umfassender Ausbau der "Großen Aue". Der Fluss wurde vertieft, Brücken und Stauwehre wurden gebaut. In der dadurch schon fast hochwasserfreien Flussaue entstand intensiv nutzbares Grün- und Ackerland. Die Landschaft allerdings verarmte – Auwälder, Hecken, Feuchtwiesen und die typischen Tiere und Pflanzen verschwanden nach und nach.

Im Jahre 2002 war nach 13 Jahren das ehrgeizige Projekt in seinen wesentlichen Bestandteilen abgeschlossen. Voraussetzung dafür waren neben der politischen Beschlussfassung ein umfangreiches Bodenordnungsverfahren und eine in Teilabschnitte gegliederte Aus- und Umbauplanung.

In Anlehnung an den historischen Verlauf wurden ab 1989 insgesamt 16 Bauabschnitte von insgesamt 23 km Länge fertig gestellt. 360 Hektar Auenflächen, in deren Zentrum ein neu gestaltetes Parallelgewässer fließt, wurden in die Maßnahme einbezogen. Durch ein Zurückverlegen von Deichen auf einer Länge von 10 km wurden 200 ha Überschwemmungsfläche gewonnen. Die so geschaffenen Polder können im Optimalfall bis zu 2 Millionen Kubikmeter Wasser aufnehmen, also auch größere Überschwemmungen wirksam dämpfen. Die in der Vergangenheit praktizierte Intensivierung einer aufwändigen Wasserbautechnik, die aufkommendes Wasser, vornehmlich zum Schutz landwirtschaftlicher Nutzflächen, möglichst schnell außer Landes transportierte, wurde abgelöst. Durch ein Maßnahmenpaket aus Retentionsräumen mit zahlreichen Feuchtbiotopen und naturnahen Fließgewässern entstand eine aus naturschutzfachlicher Sicht wertvolle Auenlandschaft, die darüber hinaus die Grundwasserneubildungsrate erhöht.

Es zeigte sich, dass die intensive Beteiligung der Grundeigentümer ein Vorhaben transparent macht, Vertrauen schafft und zu zeitnahen Ergebnissen führt. Bei der "Großen Aue" war von Vorteil, dass die für den Naturschutz benötigten Flächen durch Bodenordnung ins Eigentum des Landes NRW gebracht werden konnten. Die Landwirte wurden somit vor wirtschaftlichen Nachteilen bewahrt und Konflikte frühzeitig ausgeräumt. An der "Großen Aue" ist eine wertvolle, artenreiche Landschaft entstanden. Hochwasserkatastrophen sind nicht mehr zu befürchten.

Bei allen ökologischen und ökonomischen Bemühungen, im Zusammenhang mit der Umsetzung dieses Pilotprojektes waren aber auch Kompromisse erforderlich. Da ein Hochwasserschutz der an die alten und neuen Deiche grenzenden landwirtschaftlichen Flächen gewährleistet bleiben musste, blieb der in den 1950iger Jahren technisch ausgebaute Lauf der "Großen Aue" in wesentlichen Teilen erhalten und kann im extremen Hochwasserfall seine Funktion erfüllen. Dies ist zum Teil auch das Resultat einer "Ängstlichkeit", die mit Blick auf die Vergangenheit nachvollziehbar ist. Maßnahmen bzw. Projekte wie dieses stehen und fallen mit der Akzeptanz in der Öffentlichkeit. Wer also hier im ländlichen Raum entlang der "Großen Aue" noch Erinnerungen daran hat, wie es war, als man noch in den 1960iger Jahren auf dem eigenen Hof bei Hochwässern bis zum Bauchnabel im Wasser gestanden hat, dem wird es beim Anblick blanken Wassers in ausgedehnten Poldern unbehaglich. Das heißt, dieses Projekt braucht eine intensive Öffentlichkeitsarbeit, die auch den Umgang mit dem beschriebenen psychologischen Problem beinhaltet. Dieser Aufgabe hat sich die Biologische Station Minden-Lübbecke über viele Jahre gewidmet. Wir betreuen diese Auenlandschaft seit dem ersten fertig gestellten Bauabschnitt in Form von

  • wissenschaftlichen Untersuchungen der Flora und Fauna,
  • der praktischen Biotoppflege,
  • dem Grünlandmanagement und

mit gezielter Öffentlichkeitsarbeit.

Heute ist die Polderlandschaft entlang der "Großen Aue" ein Europäisches Flora-Fauna-Habitat-Gebiet (FFH), für das die Übernahme in nationales Recht, d. h. die Ausweisung als Naturschutzgebiet noch fehlt.

Die "Große Aue" – ein Paradies für Tiere und Pflanzen

Regelmäßige Untersuchungen der Biologischen Station zeigen, dass an der "Großen Aue" für auentypische Pflanzen und Tiere ein wertvoller Lebensraum entstanden ist, dessen Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist. Die Feuchtbiotope und die naturnahen Still- und Fließgewässer sind heute ein Paradies für Tiere und Pflanzen. Dort findet man unter anderem Schwanenblume, Wasserfeder und Blasen-Segge, Kurzflügelige Schwertschrecke, Sumpfschrecke und Wiesen-Grashüpfer. Bedrohte Libellen, wie die Gebänderte Heidelibelle, die Kleine Mosaikjungfer und die Südliche Binsenjungfer leben dort ebenso wie Dorngrasmücke und Zwergtaucher. Auch Teichrohrsänger, Rohrammer und Bekassine zeigen sich. Amphibien, wie Grünfrösche, Grasfrösche, Erdkröte und Teichmolche haben ebenfalls von den neuen Lebensräumen Besitz ergriffen.

Die "neue "Große Aue" (d.h. die Parallelgewässer in den Poldern) zeigt sich heute als naturnaher Tieflandfluss mit unterschiedlicher Breite und Fließgeschwindigkeit, Flach- und Steilufern, Inseln und üppiger Ufervegetation, die keiner Unterhaltung mehr bedarf. Ohne Zutun des Menschen haben sich Jungbestände von Erlen-Uferwäldern entwickelt. Bedrohte Pflanzengesellschaften, wie z.B. die Spiegellaichkraut-Gesellschaft sind wieder anzutreffen. Die Fischfauna weist mit Schlammpeitzger und Steinbeißer ausgesprochene Seltenheiten auf. Die Bestände von Hecht, Schleie und Gründling haben sich günstig entwickelt.

Zur Lebensraumvielfalt tragen die kleinflächigen Magerrasenbereiche bei, in denen sich bedrohte Pflanzen, wie die Büschelnelke oder das Borstgras und spezialisierte Tiere, wie der Heidegrashüpfer und der Braune Sandlaufkäfer angesiedelt haben.

Erhebungen der Biologischen Station bestätigen die günstige Gesamtentwicklung. Viele seltene Arten haben sich angesiedelt oder ihre Bestände deutlich vergrößert. Allein 14 Brutvogel-, 42 Pflanzen-, 9 Libellen-, 7 Heuschrecken- und 5 Fischarten stehen auf der "Roten Liste der gefährdeten Pflanzen und Tiere in NRW.

Neben ihrer Funktion als eigenständiger Lebensraum trägt die "Große Aue" zur Vernetzung von Biotopen bei. Tiere und Pflanzen benötigen für ihren genetischen Austausch und zum Überleben eine Vielzahl solcher Gebiete. Ziel ist deshalb ein landesweiter Biotopverbund. Die "Große Aue" verbindet die bedeutenden Moore an der Grenze zu Niedersachsen mit dem Wiehengebirge. Von dort wird über die Moore und Feuchtwiesen der Bastauniederung eine wichtige Westverbindung zur Weseraue hergestellt.

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